Wo warste?

am

Anlässlich epochaler Globalereignisse wiederholt sich die Frage, wo man denn im Augenblick des Geschehens verweilte, wie man diesen erlebte und welche Emotionen – damals wie heute – damit verbunden sind. Nun also der 9. November 89´.

men at work

Ehrlich geschrieben weiß ich heute nicht mehr, was ich an diesem Tag alles gemacht habe. Am Abend jedenfalls saß ich mit Pauli sein Freundin (die wo später Pauli sein Frau wurde) in der Küche meines kleinen Hauses in Luanshya, einer Kleinstadt im „Kupfergürtel“ Sambias, Ostafrika. Seinerzeit arbeitete ich als Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) an einer kleinen Schule des Ortes.

Während meine damalige Freundin und ich die Überreste des Abendmahls weg räumten, klingelte plötzlich und unerwartet das Telefon. Ein nicht ganz billiges Privileg so ein Telefon in Sambia, das ich mir während meiner Zeit dort gönnte. Am anderen Ende die überraschend laute und Befehlston anmutenden Stimme des damaligen stellvertretenden Beauftragten des DED, Gunther K., der rief: „RALF, MACH DEN FERNSEHER AN!!! DIE MAUER IST GEFALLEN!!!“

Meine Reaktion: „Hä?! Watt is? Watt für´ne Mauer? Wie gefallen? Watt willste?“ Ehrlich gesagt, ich verstand d´r Mann nitt und wusste nicht, was er meinte oder was er von mir wollte. Was dazu führte, dass der zuvor laute Ton in eher verzweifeltes brüllen mutierte: „M-A-C-H-D-E-N-F-E-R-N-S-E-H-A-A-A-A-A-A-A-N!!!“

Fernsehen. In Sambia. Hatte was besonderes. Ich hatte so einen kleinen Fernseher, mit dem ich u.a. zusammen mit meinen Schülern Fußball geschaut habe. Das abendliche Programm – ich glaube, es gab nur einen Sender – war geprägt von so Hammer TV- Serien wie „Die Lady mit dem Colt“ und „Die Schwarzwaldklinik“ (gab´s tatsächlich, ich schwöre!) sowie der immer wiederkehrenden Werbung von „Action – dishwashing powder“, einem Waschmittel, noch härter, noch resoluter und noch konsequenter als die herumballernde Polizistin aus Chicago.

Nachrichten von Welt gab es auch. Allerdings dauerten die nur ein paar Minuten, waren doch sehr auf nationale Ereignisse ausgerichtet, und fanden ihren Höhepunkt immer beim Wetterbericht. Dort erklärte ein sambischer Moderator unterhaltsam, welch Ungemach oder eben nicht aufzog an einer dreiteiligen Schultafel. Zur präzisen Darstellung der nächsten Tage musste er diese aufklappen, wobei ihm die Teile anschließend jedes mal wieder mit einem für alle sichtbaren Klapps in den Rücken fielen. Ein allabendlicher running Gag.

Zurück zum Befehl. Der hysterische Mann aus der Muschel hatte mittlerweile grußlos aufgelegt. Ich schritt zur Tat und machte den Fernseher an. Es brauchte eine Zeit, bis ein schemenhaftes Bild erkennbar wurde. Für den Bruchteil einer Sekunde war da ein Foto von einem Haufen Menschen zu sehen, dann kamen auch schon gleich die Moderatoren der Sendung, die sich verabschiedeten und zum Drei -Tafel-Wettermann überleiteten.

Joh, und nu?!

Erst so langsam dämmerte es mir, was mit „Mauer“ gemeint sein konnte. Aber konnte das sein?

Die Vorbereitungszeit für den Auslandseinsatz verbrachte ich von Juli bis September 1987 in Berlin Kladow, dem damaligen Sitz des DED. Mauer, war da ´ne Mauer? Ich war ja schon vorher öfter mal „drüben“, sogar 1979 in Karl-Marx-Stadt und Dresden. Jetzt also Berlin, und dabei eben auch das ein und andere Mal in Ostberlin. Mal gucken gehen. Natürlich war da immer auch eine ungläubige Faszination, die Trennung eines Landes so pervers dicht vor Augen zu sehen. Hier Freiheit, dort drüben eingeschlossen. Aber aus der geschützten und komfortablen Sicht eines unbedarften Jungspunds wirkte das Ganze doch irgendwie auch so normal.

Die letzten Informationen über die Stimmung in der DDR waren schon watt alt. Schließlich hatten „Der Spiegel“ und die Samstagsausgaben der „Aachener Nachrichten“, die mir meine Eltern dankenswerter Weise öfternach Ostafrika  zusandten, eher beschränkt gesellschaftlich partizipatorischen Wert. Wenn die in Luanshya ankamen, waren sie meist schon zwei bis vier Wochen alt. Wie dramatisch die Umstände vor Ort aktuell gewesen sein mussten, konnte ich unten in „Zambia, the real Afrika“ nicht wirklich ermessen. Schließlich gab es darüber keine ausführlich berichtenden Zeitungen, keine Fernsehsendungen, oder gar Internet.

Es dauerte etwas, bis Gunther das Telefon abnahm. Er war in Lautstärke mittlerweile etwas gedämpfter unterwegs. Doch mein Nachfragen, was denn los sei, hinterließ bei ihm ausgeprägte Fassungslosigkeit ob meiner vermeintlichen Begriffsstutzigkeit: Die Berliner Mauer ist seit eben Geschichte, die Menschen strömen von Ost nach West, alle sind besoffen vor Freude, aber keiner weiß wie´s weitergeht, und was das alles jetzt bedeutet.

Ein kostspieliger Anruf bei den Lieben daheim zwecks Aufklärung gestaltete sich zunächst schwierig. Irgendwie war kein Amt herzustellen. Erst nach unzähligen Versuchen kam ich durch und erhielt endlich Informationen aus erster Familienhand: Die Berliner Mauer ist seit eben Geschichte, die Menschen strömen von Ost nach West, alle sind besoffen vor Freude, aber keiner weiß wie´s weitergeht, und was das jetzt alles bedeutet.

Alles, was an diesem Abend des 9. November 89´ in Deutschland geschah, habe ich erst Wochen später nachlesen können. Eine Videocassette mit filmischen Dokumentationen über die deutsche Nacht der Nächte, machte bei den Entwicklungshelfern erst nach rund 3 Monaten die Runde. Wohl dem, der ein Abspielgerät hatte…

Conny vorm TorBei unserer Rückkehr Ende April 1990 stand die Mauer noch, allerdings mit – nach meiner Erinnerung – vielen Durchgangsmöglichkeiten, an denen noch Grenzsoldaten oder Volkspolizisten standen.

Joh, zurück nach fast drei Jahren Ostafrika, war die Welt eine andere. Anders normal.

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